Jahresbericht des Präsidenten zum Vereinsjahr 2016

Das achte Vereinsjahr von Windbläss stand einerseits im Zeichen der Nutzung des neuen Kulturlokals im Ebnater Ackerhus und den damit verbundenen Diskussionen um die künftige Heimat des Blässes. Andererseits durften wir erstmals kantonale Kultur-Lorbeeren ernten – dies allerdings in der Fremde, ennet dem Ricken: Windbläss konnte im Uznacher Kulturtreff Rotfarb den mit 15'000 Franken dotierten Förderpreis der St. Gallischen Kulturstiftung entgegennehmen. Ein wahrhaft motivierendes Zeichen für unsere Weiterarbeit!

Doch nun schön der Reihe nach: Abschluss des siebten und zugleich Beginn des achten Vereinsjahres bildete die siebte Mitgliederversammlung vom 26. Februar auf dem Nesslauer Bühl. Nach der speditiven Abwicklung der üblichen Traktandenliste folgte der einheimisch-musikalische Teil der Veranstaltung unter dem Titel Das verflixte 7. Jahr. Anstelle einer bergsteigerischen Bewältigung der sieben Churfirsten führten die Windbläss-Musiker zusammen mit einem Jodel-Terzett (bestehend aus Sonja Lieberherr-Schnyder, Manuela Lusti und Daniel Tschumper) in sieben Nummern durch das Konzert. In der fünften Nummer erklomm der bekannte Schriftsteller und Churfirsten-Bergsteiger Emil Zopfi das Podium. Seine mit Bildern ergänzten Episoden rund um die Churfirsten bildeten den alpin-abenteuerlichen Kontrast zum Töne-Spiel in den wohlbehüteten vier Wänden (womit nicht ausgeschlossen werden soll, dass auch das Spiel mit Tönen zum Abenteuer werden kann). Das zur Zahl sechs präsentierte präsidiale 66’’ Orgelwissen zum Thema Sexta – Sesquialtera (ein zweifaches Orgelregister) vermochte in seiner allzu weit getriebenen fachterminologischen Verschachtelung die Zuhörerschaft offenbar nicht zu erreichen, was dem Autor im Nachgang zur Veranstaltung von den übrigen Blässen schonungslos klar gemacht wurde.

Die schon erwähnte Kulturpreisverleihung vom 29. April im Kulturtreff Rotfarb in Uznach brachte zwar Ruhm und Ehre, und die Windbläss-Musik liess es sich nicht nehmen, dafür extra eine Truhenorgel in das im ersten Stock gelegene Veranstaltungslokal zu stemmen, um damit mit Beteiligung von Geige, Gebläse und Bass die Feier musikalisch zu strukturieren – trotzdem vermochten die laudierenden Worte Hansruedi Kuglers nicht vollends zu munden, eine leise Enttäuschung, die dafür mit dem anschliessenden Apéro riche vollumfänglich kompensiert wurde. Ein inspirierender „Nebeneffekt“ des Events war die neue Bekanntschaft mit Pamela Dürr, einer weiteren Preisträgerin des Abends. Mit der Theaterfrau aus St. Gallen freundeten sich die Blässe spontan an und werden sie anlässlich einer gemeinsamen Produktion im November dieses Jahres umwedeln.

Und was geschieht mit den 15'000 Franken? Den Präsidenten freut’s, dass das Geld grösstenteils in die weitere Erforschung der (Haus-)Orgel-Landschaft Toggenburg gesteckt werden soll, mit dem (ambitionierten) Ziel, zum zehnjährigen Windbläss-Jubiläum mit einer entsprechenden Publikation aufwarten zu können.

Die beiden prächtigen, frisch restaurierten Hausorgeln im Kulturlokal Ackerhus waren die Hauptdarstellerinnen der Veranstaltung vom 19. August.

Unter dem Titel „Schleier gelüftet“ gewährte Windbläss Einblicke hinter die Schleierbretter (so nennt man die Schnitzereien über den Pfeifenmündungen, die den Blick in die Orgel „verschleiern“) der Instrumente von Heinrich Ammann und Melchior Grob. Fünf mit Wort und Musik kommentierte Video-Sequenzen von Jürg Rufer standen im Zentrum der Veranstaltung, die sich ganz den beiden Instrumentenmachern und ihrer orgelbauerischen Handschrift widmete.

Jürg Rufer dokumentierte den Abbau und die Restaurierung der Ammann-Orgel in Bild und Ton und lüftete somit die Funktionsweise von Hausorgeln.

Zu den beiden Orgelbauern (die sich mutmasslich gekannt haben müssen) referierte Markus Meier, während Heidi Bollhalder die entsprechenden und verdeutlichenden Orgelkänge beisteuerte.

Die geballte Ladung an orgelhistorischen Fakten mag den mit Konzert-erwartungen erfüllten Zuhörer etwas „erschlagen“ haben. Kunsthistorisch interessierte „Bildungs-Junkies“ zogen an diesem Abend vielleicht das bessere Los als Musikliebhaber, die sich vorzugsweise ausschliesslich den Klängen ergeben.

Fazit: Substanz für mindestens zwei Veranstaltungen, d.h. etwas zu lang und zu viel Information – sozusagen 10'000 Sekunden Orgelwissen!

„... demnächst Eiapopeia usw.“ – so die etwas rätselhaft-seltsam anmutende Ankündigung für den 28. Oktober, ebenfalls im Ackerhus. Denn Weihnachten stand zu diesem Termin noch nicht unmittelbar vor der Tür und was die schaurig-schöne Geschichte von Gerold Späth damit zu tun haben könnte, offenbarte sich erst im Verlauf der Lesung des bekannten Rapperswiler Autors (im Wechsel mit Jost Kirchgraber) und führte auf die Orgelempore über der unheimlichen, düsteren Weite eines menschenleeren Kirchenschiffes an einem kaltschwarz verregneten Spätherbstabend. Da sassen die Organistin Madame Adèle und der Schreibende (also Späth) als ihr Schüler zusammen auf der Orgelbank, vor ihnen im Lichtkreis der Pultlampe die Notenblätter; darunter die drei Manuale der Orgel und beides, Klaviaturen und Noten, streng Schwarz in Weiss; ... sonst ringsum auf der Empore mählich dichte Düsternis, nur grad direkt über uns feinsilbriger Abglanz der mittleren Prospektpfeifen des Brustwerks, hinter uns das Kirchenschiff nun sowieso stockdunkel, will sagen: abgrundtief voll schwärzester, wenn nicht gar leicht beklemmender Finsternis ...

Soviel zur atmosphärischen Vorgabe des Textes an die Musik. Wie Solches umsetzen mit einem Instrument, nämlich der Hausorgel, die gerade das Gegenteil vermittelt: Lieblichkeit, Frohmut, Wärme, die Unbeschwertheit einer Spieluhr!?

In dieser Situation kamen uns die Dienste des Audio-Designers und Klang-Verfremdungskünstlers Stefan Baumann gelegen. Ihm gelang es eindrücklich, die Hausorgelklänge und -geräusche (entlockt von Heidi Bollhalder) mit Hilfe eines Lautsprecherorchesters geisterhaft im Raum rotieren zu lassen, die Ächzgeräusche der Windanlage wuchsen zu pochend-repetierenden Perkussions-mustern, kurz: die harmlose Hausorgel mutierte so zum glaubwürdigen Illustrations-Instrument obig beschriebener Szenerie.

Das Kläffen des Blässes hinterlässt Spuren, Ermüdungserscheinungen und auch Verletzungen. Die Domizilfrage generiert Diskussionen. Bleibt der Bläss bei seiner Wiege im Bühl oder zieht es ihn ins Ebnater Orgelparadies?

Veränderungen zeichnen sich ab – auch personell: Die verdienstvollen Windbläss-Gründungsmitglieder Meta Engler und Reto Stäheli verlassen den Vorstand. Auch Jacqueline Egli wird uns – nach zweijährigem Vorstand-geschnupper – ihre Bläss-Schnauze wieder aus dem Publium zuneigen.

Ihnen drei sei für Ihre Arbeit mein grosser Dank ausgesprochen!

So hoffe ich, dass Windbläss auch weiterhin in kreativer Bewegung bleiben möge und ihm das Publikumsinteresse sowie die ideelle und finanzielle Unterstützung in der bisher erlebten Art und Weise auch in Zukunft zuteil werde.

Dafür bedanke ich mich namens des Vorstandes und des Vereins Windbläss jetzt schon ganz herzlich!

Ich freue mich auf das neunte Vereinsjahr und hoffe, dass der Bläss weiterhin frisch durchs Toggenburg – und zum Tal hinaus – wedelt und bellt!

Winterthur, im Februar 2017 / Markus Meier, Präsident Windbläss