Jahresbericht des Präsidenten zum Vereinsjahr 2009

zuhanden der ersten Mitgliederversammlung vom 26. Februar 2010

Windbläss, der Verein Toggenburger Hausorgel, feiert übermorgen seinen ersten Geburtstag. Ein noch junges Hündchen zwar, das aber mit beachtlicher Wendigkeit sein erstes Lebensjahr zu gestalten vermochte. Keck steht der Bläss am Örgelchen in unserem Vereinslogo und blickt auf ein Jahr zurück, das vor allem von der kulturellen Unternehmungslust und der Begeisterung für die Toggenburger Hausorgel seiner Windbläss-Gründerväter und -mütter getragen und geprägt wurde. Doch nun der Reihe nach: Die Webstube Bühl, bis 2007 eine Handweberei, hat als Ort kultureller Veranstaltungen eine lange Tradition. In der Webstube als ehemaligem Produktionsort von hochwertigen Textilien, als Ort, wo sinnliche Wahrnehmung und Kunsthandwerk durch die Familie Reber seit mehr als fünfzig Jahren zu einem Synonym von Qualität geworden waren, sind unzählige Fäden verwoben und geknüpft worden - und dies durchaus auch im übertragenen Sinn! Mit dem allzu frühen Tod Verena Rebers, die zuletzt die Fäden der Webstube führte, ging diese Aera zu Ende. Den unverwechselbaren Ort im Sinn und Geist Verenas weiterleben zu lassen, ihm neues (kulturelles) Leben einzuhauchen, war die Idee und das Anliegen von Reto Stäheli, dem Erben des Anwesens auf dem Nesslauer Bühl. Zur Webstube und ihren Veranstaltungen gehörten bereits früher Konzerte auf der Joseph-Looser-Hausorgel. Dieses Instrument aus dem Jahr 1788 wurde 2008 fachmännisch restauriert und fand neu seinen Platz in einem umgebauten, offenen Raum des ehemaligen Webateliers. Unter diesen Voraussetzungen (ca. 80 Sitzplätze) drängte sich die Wiederaufnahme der Hauskonzert-Tradition auf dem Bühl geradezu auf, und die Idee zur Gründung eines Vereins zur Förderung und Wahrung der Toggenburger Hausorgelkultur fand bei einigen Enthusiasten offene Ohren: Darina Baumann, Heidi Bollhalder, Meta Engler, Jost Kirchgraber, Markus Meier, Wolfgang Sieber und Res Reber hoben am 28. Febr. 2009 Windbläss aus der Taufe; dies im Rahmen eines Konzertes im Gedenken an Verena Reber. An der Hausorgel und mit weiteren Instrumenten musizierten die Gründungsmitglieder Darina Baumann, Violine, Heidi Bollhalder, Orgel, Markus Meier, Blockflöte und weiteres Gebläse, Wolfgang Sieber, Orgel und Res Reber am Kontrabass. Mit dieser Besetzung konstituierte sich gleich auch das Windbläss-Haus-Ensemble, die Bühler Husmusig. Diese - in jeder Beziehung bewegliche - Formation bildet so etwas wie die musikalische Konstante der Windbläss-Aktivitäten, insbesondere der von Heidi Bollhalder (mit kreativer Mithilfe weiterer Blässe) eigens für unseren neuen Verein komponierte Windbläss-Schottisch - das akustische Windbläss-Logo sozusagen!
Die im privaten Rahmen (Freunde und Bekannte von Verena Reber und der Webstube) abgehaltene Vereinsgründung bildete die Vorlage für die erste öffentliche Windbläss-Veranstaltung vom 1. Mai 2009, einer „Orgelstobete“: Wiederum musizierten die Windbläss-Vorstandsmitglieder, diesmal zusätzlich mit Urs Grob am Hackbrett. Mit „malefiz“ (Darina Baumann, Heidi Bollhalder, Urs Grob), „döpfiff“ (Markus Meier, Wolfgang Sieber) und zusammen mit „resambass“ bildeten sich immer wieder neue Gruppierungen und Stile - musikalische Wechselbäder von der Intrada aus der Renaissance für Schalmei und Orgel, über „Dä blend Appezeller“ von Noldi Alder, bis zur abschliessenden Uraufführung des Windbläss-Schottischs, interpretiert von allen Beteiligten - der eigentlichen Bühler Husmusig. Diverse Wortbeiträge - die sich im Verlaufe der weiteren Veranstaltungen als feste Bestandteile unserer Programmkonzepte entpuppen sollten - sorgten für Struktur und Information im musikalischen Feuerwerk. Dazu gehört insbesondere die Rubrik „100-Sekunden-Orgelwissen“, unter der - mit der angekündigten Kürze und Prägnanz - Wissenswertes zur Orgel, zum Orgelbau oder -musik vermittelt werden soll. Kurzreferate zur Geschichte und Zukunft der Webstube (Reto Stäheli), zum Verein Windbläss und ein Ausblick auf die geplanten Veranstaltungen (Markus Meier) bildeten die weiteren „Wortpfeiler“ dieses Abends.
Der Sommerabend des 14. Augustes unter dem Titel „lauschig - es knackt!“ widmete sich vollumfänglich den sinnlichen aber auch klimatischen Reizen eines in Ruhe und Frieden verklingenden Sommertages (manche nutzten die Gelegenheit, das Konzert aus den Liegestühlen auf der Terrasse, durch die geöffneten Fenster der Orgelstube, auf sich wirken zu lassen). Ganz dem romantischen Naturverherrlichungs-Ideal verpflichtet, ergriff milde wehende Abendluft vom Auditorium Besitz, und wäre es möglich gewesen, hätten wir unsere Hausorgel für einmal nur allzu gerne auf eine blühende Sommerwiese in eine lauschige Waldlichtung gesetzt - etwa so, wie Jost Kirchgrabers Fotomontage in der Pressemitteilung zum Abend geladen hatte. In sommerlich-blühender Jugendlichkeit flötete Junia Hüppi und orgelte Christoph Mauerhofer im Wettstreit mit dem Grillengezirp lauschig-Knackiges in die Orgelstube - liessen ihre Töne hinaus über den Bühl fliessen, machten die Grenzen von innen und aussen vergessen - so wie es nur ein lauer Sommerabend in angenehmer Weise bieten kann! Ganz im Geist dieser Stimmung philosophierte Reto Stäheli in seinen Texbeiträgen zum Knacken der Aeste in einer Waldlichtung am Windbläss, zum Gesumm der Bienen in harzig-flirrender Luft, zu Anmut und Grazie, zum vermeintlichen Gegensatzpaar lauschig und knackig. „100-Sekunden-Orgelwissen“, Ausblick und die zweite, verbesserte Auflage des Windbläss-Schottisch geleiteten diesen süss-romantischen Abend sanft in seine Auflösung.
Die Hauptversammlung der Toggenburger Vereinigung für Heimatkunde vom 21. Nov. 2009 im Büelensaal Nesslau war zwar keine eigentliche Windbläss-Veranstaltung, aber mit dem Thema „Toggenburger Hausorgeln“ die willkommene Gelegenheit, unsern jungen Bläss ein wenig auszuführen: Referate von Jost Kirchgraber und Markus Meier, eine Vereinsvorstellung durch unsere Vizepräsidentin Heidi Bollhalder, sowie die musikalische Umrahmung mit dem Trio Malefiz und dem dankbar mitflötenden - statt (wie sonst) bellenden - Präsidenten gaben dem Anlass ein deutlich windblässiges Gepräge. Wir danken der Toggenburger Vereinigung für Heimatkunde, namentlich ihrem Präsidenten Ernst Grob, für die grosszügige Präsentations-Plattform und freuen uns, dass unser Verständnis, Teil eines kulturellen Netzwerks der Region zu bilden, verbunden mit dem Wunsch, einen partnerschaftlichen Austausch mit andern Kulturanbietern im Tal zu pflegen, anlässlich dieser Veranstaltung ein erstes Mal öffentlich realisiert werden konnte.
„Advent - in Erwartung“, so der einladende Worlaut unserer letzten Veranstaltung vom 5. Dez., wiederum in der Bühler Orgelstube. „Erwartung“ nicht nur in den hinlänglich bekannten (und entsprechend ausgetretenen) Pfaden der Erwartung von Weihnachten - oder vielleicht auch eines neuen Windblässvereinsjahres - nein, auch „Erwartung“ in seiner buchstäblich existenziellsten Form, der leiblichen Anwesenheit der hochschwangeren Toggenburger Bäuerin Manuela Bischof aus Stein. Ihre Rezitationen zum Thema Erwartung mit Texten von Rilke, Vanderbecke und Lachmann berührten in ihrer schlichten Ausdruckskraft, mit der Stärke einer verblüffenden Rhetorik, ergreifend klar, ohne jeden Anflug trübender Sentimentalität. Eingebettet in die vorweihnächtlichen Gesänge des Kinderchores Kaltbrunn (Leitung Daniel Winiger) und den Auftritt des einheimischen Sankt Nikolaus (Ruedi Eugster), im Sack - nebst den üblichen Schleckereien - die „100-Sekunden-Orgelwissen“ zum Thema Orgelhölzer, ergab sich eine „Veranstaltungskomposition“ von zarter Feierlichkeit und weihnächtlicher Erwartung im erfüllendsten Sinn.

Soweit der künstlerische, ich gebe gerne zu, zu barocker Formulierungs-Opulenz neigende Rückblick auf ein sehr erfreuliches erstes Windbläss-Jahr: eine erste Ernte. Wer ernten will, kommt bekanntlicherweise ums Säen nicht herum. Der Windbläss-Acker wurde mit 9 Vorstands- und 2 Arbeitsgruppen-Sitzungen (Website, Flyer) bestellt - und, um bei der Metapher zu bleiben: schon das Säen beschied uns meistens auch die Freude des Erntens! Oder etwas direkter und weniger barock: Ich danke meinen Vorstandskolleginnen und -kollegen für die inspirierende, unterstützende, fantasievolle und vor allem Spass machende Zusammenarbeit und hoffe natürlich gleichzeitig, dass wir die Anfangseuphorie mit Schwung auch ins zweite Windblässjahr einbringen können.
Dem jugendlichen, übermütigen Blässlein waren und sind durchaus noch ein paar Flausen auszutreiben. So soll die schon lange angekündigte und nun im Aufbau begriffene Website www.windblaess.org sukzessive in Betrieb genommen werden und neben der Funktion als Informationsplattform auch als laufend aktualisierbares Online-Archiv mit Daten zu Toggenburger Hausorgeln (Instrumente, Standorte, Besitzer, Handänderungen, Dispositionen, Angaben zur Bemalung, etc.) dienen. Mit der Gestaltung (grosser Dank an Anja Kirchgraber) und Herstellung des Windbläss-Flyers sind wir bezüglich Mitgliederwerbung und -administration einen grossen Schritt weitergekommen. Wir sind uns bewusst, dass uns in der Hitze des Anfangsjahres diesbezüglich einiges unter den Tisch gefallen ist und entschuldigen uns bei all den Sympathisanten und Mitgliedschaftsinteressenten, denen wir im letzten Jahr noch nicht die gebührende Aufmerksamkeit entgegengebracht haben.
Ein weiteres noch zu bearbeitendes und zur Zeit im Anrollen begriffenes Kapitel ist das der Finanzierung, bzw. des Sponsorings. Mit der künstlerischen Referenz des ersten Vereinsjahres im Rücken, hoffen wir auf die Unterstützung diverser Stiftungen, insbesondere auch der Kulturförderung des Kantons St. Gallen. Das finanzielle Überleben im ersten Vereinsjahr verdanken wir in erster Linie dem unentgeltlichen Wirken der Windbläss-Vorstands-Mitglieder - sowohl in künstlerischer, als auch in administrativer Hinsicht - und dem durchschnittlichen Kollektenertrag von etwa CHF 800.- pro Anlass. Die Verpflichtung des Kinderchores Kaltbrunn haben wir einer grosszügigen vorstandsinternen Spende zu verdanken.
Ich freue mich auf das zweite Vereinsjahr und hoffe, dass sich das Windbläss’sche Gebell weiterhin positiv bemerkbar macht!

Winterthur, 18. Februar 2010 / Markus Meier, Präsident Windbläss