111" Hausorgel-Wissen (222 Worte) zum 26. Februar 2010

Über das Jahr 67 n. Chr. schrieb Sueton: „...transactaque raptimconsultatione, reliquam diei partem per organa hydraulica novi etignoti generis circumduxit..." Kaiser Nero hielt in aller Hast eine Beratung ab und verbrachte den Rest des Tages mit dem Studium einer hydraulischen Orgel von neuer und unbekannter Konstruktion. Erversicherte, dass er das alles im Theater vorführen wolle!1

Altchristliche Schriftsteller, genannt Kirchenväter, verbannten alle Instrumenteaus der Kirche; die Musiker hatten ihre Berufe zu wechseln oder manverweigerte ihnen die Taufe (Justinus 103-168 n. Chr.).2

757n. Chr. schenkte der byzantinische Kaiser Konstantin V. dem König Pippin dem Kleinen eine byzantinische Palastorgel. Weil der Priester Georg aus Venezia als erster westlicher Orgelbauer seine Kunst seinen Mönchen weitergab, wurde die Orgel zum geweihten Kircheninstrument; infolge Misstrauen der Kirchenväter und Argwohn kirchlicher Autorität zwar erst im 14. Jh..2

OhneTanz kommt keine Musik aus, obwohl im 16. Jh. das Konzil von Trient Tanzstücke auf der Kirchenorgel verbot. Denn Tanz ist rhythmische Bewegung; ist Akzentstruktur, die aus aequalistischen, eben metrischen Konstanten wächst und so eine Abfolge von Spannungsmustern ergibt.

Inden Notenbüchlein von Johan Friedrich Steiner (1815), Anna Katharina Winteler im Chüebode ob Alt St. Johann 1851 und Elsbeth Forrer vomStofel 1855 finden wir Titel wie Allemander, Air anglais, Largo, Menuete, Andante, Vivace, Schottisch, Marsch aus Norma, Napolions-Walzer, Sehnsuchts-Walzer, Alpenrosen-Bolka,Bosthorn-Bolka, Feststück, Ländler, Feierliches Orgelstück, Donnerstag-Gallop, Wiener Galopp, Alpenjödler, Quadrille und Webersletzter Gedanke; was eine Zeitachse des Barock über die Klassik hin bis zum Wiener-Walzer darstellt: Gassenhauser, Schlager, Hit, Hype: mehr Schein als Sein?

Der Fake ist nichts Neues und soll halten, was gefällt oder – im Sinne des Zweckes, der die Mittel heilt – bewirken, dass die heile Welt noch eine Weile hält!

1Vom Glanz und Elend der Orgel / Hans Haselböck 1999

2Die Orgel / Friedrich Jakob 1969

WolfgangSieber

Luzern im Mai 2009