100 Sekunden Orgelwissen zum Thema zööke von Martin Arnet

zige – zigge – zicke – zeeke – zecku – zigle – ziggle - zegle – zeggle – ziggele – zeggele –zickle – zöikle – zeukle – zäikle – zeckle – zeukle – zeuggle – zoigle – zoiggle – zöögle – zööchle - zeeckerle - zööche – zööke - zöökle

Haben Sie die Unterschiede gehört? Ja? Super! Nein? Okay: Das Korrekturprogramm von Word erkennt die Unterschiede auch nicht und markiert fast alle dieser Wörter mit einem roten Kringel. Was – wie Sie sicher alle wissen – so viel bedeutet wie „es liegt ein Fehler vor“.

Wie auch immer: Ich habe Ihnen 26 Wörter vorgetragen. Sie kommen, wenn man gezielt googelt, im Umfeld des von uns gesuchten Begriffs zööke vor.

Aufgrund unseres Vorwissens und Vertrautheit mit der Materie vermuten wir, dass zööke mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein Verb ein Verb ist. Also: Er, sie, es zöökt, wir zööken usw. „zööke mit em Bläss“ heisst das Motto heute.

Trotzdem: zööke könnte auch ein Substantiv sein. En Zööke, e Zööke, es Zööke. Auch ein Adjektiv wäre möglich: En zööke Bueb, en zööke Rucksack, en zööke Windbläss.

Das Deutsche Seminar der Universität Zürich wollte es 2008 genau wissen. Im Rahmen eines Forschungsprojekts, um den Wortschatz des Schweizerdeutschen zu ergründen, hat das Deutsche Seminar der Universität Zürich 2008 folgende Forschungsfrage gestellt: Wie sagen Sie, wie sagst du, wenn du jemandem lockend etwas vorzeigst – und es dann doch nicht gibst? (Man ging also davon aus, dass zööke ein Verb ist.)

Was dabei herauskam, habe ich aufgezählt. Zööke gehört dazu, heisst also – ich wiederhole es gerne – jemandem etwas lockend vorzeigen und doch nicht geben. Das sei eine besonders bei Kindern beliebte Art des Neckens, heisst es. Wir wissen natürlich, dass zu diesen Kindern auch die Frisch-, Neu- oder Immer-noch-Verliebten gehören. Und gewiss auch jene, die sich auf den Windbläss einlassen.

Bei besagter Untersuchung wurden auch die Verbreitungsgebiete der einzelnen Dialekt-Wörter untersucht. Jedes dieser Verben stammt nämlich aus einer der vielen Mundarten in der Schweiz. Die meisten sind in ihrer bestimmten Form nur lokal gebräuchlich, weitere vielleicht regional. Aber keines der genannten Verben ist in der ganzen deutschsprachigen Schweiz gebräuchlich. Und es versteht sich von selber, dass keines dieser Wörter im Duden verzeichnet ist. Doch davon später mehr.

Um es etwas übersichtlicher zu machen, wurden die Verben in drei Hauptgruppen zusammengefasst. Jene, denen der gemeinsame Stamm ‘zige‘/’zoige‘ zugeordnet werden kann; jene, bei denen der Stamm ‘zöikle‘ erkennbar ist und jene, bei denen der Stamm ’ziggle‘ erkennbar ist. Sie dürfen einmal raten, welche Gruppe als die grösste ermittelt werden konnte. Wer ist für ’zige‘? Wer ist für ‘ziggle‘ und wer ist für ‘zöikle‘?

Der dramatische Aufbau meiner Frage hat sicher dazu beigetragen, dass Sie alle die richtige Lösung gefunden haben: Zöikle. Richtig. Im ganzen Mittelland, bis weit in die Innerschweiz und im westlichen Thurgau ist zöikle gebräuchlich. Der Stamm ’ziggle‘ ist in der Ostschweiz ausser einmal im Thurgau nicht belegt ist. Bleibt also ‘zige‘/‘zöige‘ – zu dem auch zööke gehört. Dieser Stamm ist eher im Baselbiet, vereinzelt im Kanton Zürich und in der Innerschweiz belegt, an manchen Orten der Ostschweiz aber auch. Dazu gehört das Toggenburg – wo wir jetzt sind.

Ich komme zurück auf den Duden. Darin wird kein Verb zeukeln, zökeln oder so ähnlich geführt, weder in der elektronischen Form noch in der Printversion. Was uns schweizerdeutsch Sprechende ja nicht wirklich erstaunt… Das einzige Verb aus der eingangs erwähnten Aufzählung, das vom auf dem Duden basierenden Word-Korrekturprogramm nicht mit einem roten, sondern immerhin mit einem blauen Kringel versehen wird, ist zicke. Was bedeutet: Das Wort ist zwar richtig, im geschriebenen Zusammenhang möglicherweise aber falsch. Die Form ‘zicke‘ kann grammatikalisch als 1.-Person- Singular-Form des Verbes zicken identifiziert werden. Und was zicken bedeutet, wissen wir ja alle, oder? Damit wird die semantische Verwandtschaft, also die Ähnlichkeit der Bedeutung zööke mit zicken erkennbar: Da ist einerseits die negative
Launenhaftigkeit zicken, die erfahrungsgemäss vor allem Frauen zugeschrieben wird. Anderseits zööke, das auch etwas mit Launenhaftigkeit zu tun hat – aber mit der positiven, guten Laune.

Martin Arnet zum Thema zööke bei der Veranstaltung "Zööke mit em Bläss" am 20.02.2015