100'' Orgelwissen von Jost Kirchgraber, vorgetragen am 08.11.2019 im Ackerhus Ebnat-Kappel

Die Sammlung der Toggenburger Lieder gehört mit zu den bedeutenden Leistungen von Albert Edelmann.

De Edelma hät 1906 als 20Jöhrige sini Schtell a de Gsamtschuel im Dicke obe aaträte.

Schuelgeh hät er vo allem Anfang aa verschtande nöd bloss als Vermittle vo Kompezenze, wie da hüt Mode isch, sondern als Uftrag, bi de Chind de Sinn z’wecke för di eige Wält ond di iiheimisch Kultur und ihri Tradition.

Er hät schnell gemerkt, villicht au scho gwüsst oder mindeschtens gschpürt, dass es nebet de grosse und akademisch bestimmte, eigetlich elitäre Kunscht und Musig au en eifacher gschtrickti Kultur ggeh hät, grad im Toggeburg, e Kultur, wo tüüf und unmittelbar mit em Läbe vo de Lüt verwachse gsi isch. Nöd höchgschtoche im Aaschpruch, deför ächt und warmherzig. Zom Bischpil ebe Lieder.

1906 - me moss sich vergegewärtige: Da isch e Zit gsii, wo sich de offiziell, de gsellschaftlich anerkannt allgemein Kunschtgschmack am Höchentwicklete, am Raffinierte (raffiniert ond oberflächlich schlüüsst sich nöd uus) orientiert hät. Da isch e Zit gsii, wo das Ausloten der menschlichen Seele, samt ihren schwer zugänglichen Kammern Mode geworden war, wo das Analysieren zum guten Ton gehörte: man denke an Namen wie Sigmund Freud, in der Musik an Gustav Mahler, Richard Strauss, an den Impressionismus, in der Literatur an Arthur Schnitzler, Hofmannsthal, Rilke etc. Eine Zeit, wo in der populären Architektur die ganze Stilgeschichte an einer repräsentativen Fassade Parade stehen, das heisst, ablesbar sein musste, wo die damals modernen Boulevards von Paris, die gründerzeitlichen Fluchten in Berlin, die Rathausbauten von Budapest oder London den Maßstab abgaben, oder auch (als Beispiel aus der Nähe) die Stickereipaläste in der Stadt St. Gallen.

Was isch do degäge e eifachs Buurehus, e Schtabelle, e eifachs Liedli.

Und wie isch da gsi mit de Juget dozmol? Um 1906? Z’Säge isch, dass sich grad under junge, wache Lüüt e Gfühl vo Überdruss breit gmacht hät. E Gfühl vo Skepsis de Gsellschaft gegenüber; die heb sich heillos verschtige, alls heg sich überschteigeret, me füehri e Kulisse-Doosii (Dasein) und läbe im Firlefanz, in ere Schiiweltwelt, hinder de Oberflächi sei d’Welt chrank.

Stichwort Décadence. Die ganz junge Künstlergeneration jener Zeit suchte daher auszubrechen. Klee ging nach Marokko, Gauguin war in die Südsee abgetaucht, Picasso entdeckte die Kunst der Ureinwohner Afrikas – gerade im Primitiven sah und fand man jetzt das Echte, das Unverblümte, das Originale.

1906: da isch Zit gsi vo de Wieder-Entdeckig vo de Volkskunscht, vo de Volkskultur. De jung Albert Edelma g’hört ganz genau do dezue. Er darf mit Recht zo de Pionier vo dene zellt werde, wo do gmerkt hend, dass en eifachs Lied, en sozsäge unverstellte Uusdruck cha sii von ere natürliche Alltagskultur. Er hät öberhaupt aagfange, iiheimeschi Kulturgüeter z’sammle, au Lieder, won er vo ältere Lüüt oder au vo Chind singe ghört hät - er häts ufgschribe und schpöter useggeh. Die Lieder wäret gröschteteils verlore, wenn er da nöd gmacht hett. Sini Leischtig isch verglichbar – wenn au im klinere Maßstab – mit dem, wa d’Brüeder Grimm 100 Johr früener mit erer Sammlig vo de Volksmärli g‘leischtet händ.

Wenn‘s i sinere Lieder-Sammlig au Fremds debii hät, so ghört da dezue. Ächti Volkskunscht isch nie schteril, nie dogmatisch. Si nimmt frei uf wie ne Chind, was ere i’d‘Händ fallt. Was me villicht singe ghört hät vo me‘ne italienische Tunnelarbeiter. Zom Bischpil ebe s‘ Lied öber de italienisch Freiheitsheld GARIBALDI. Da Lied figuriert bim Edelma under deToggeburger Lieder. Mi tunkt da wunderbar.